Wo Drachen singen

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Drakensang (Vorbemerkung: wie bereits gesagt, rezensiere ich hier eigentlich keine Computerspiele, aber für Drakensang mache ich gerne eine Ausnahme, weil es doch sehr nah ans Pen&Paper-Rollenspiel Das Schwarze Auge angelehnt ist.)
Nach zwölf langen Jahren Wartezeit gibt es jetzt wieder ein Computerrollenspiel zum Pen&Paper-System Das Schwarze Auge. Die dtp Entertainment hat in Zusammenarbeit mit Radon Labs das Spiel Drakensang produziert, das offiziell seit Freitag (1. August 2008) erhältlich ist. Seit Montag ist außerdem eine Demo erhältlich, die mit 450 MB zwar ziemlich groß ist, aber einen guten Einblick gibt, was in der Vollversion zu erwarten ist, und ob die eigene Hardware ausreicht.
Was die Hardware betrifft, ist das Spiel ziemlich großzügig, auch die offiziellen 'Mindesterfordernisse' greifen relativ hoch. Wer sich nicht sicher ist, ob sein Computer mit Drakensang zurecht kommt, kann also mit der Demo hervorragend testen, ob und wie die Hardware auf die singenden Drachen reagiert.

Technisches
Die Software, die auf der DVD immerhin mehr als vier GByte Platz belegt, ist schnell und schmerzlos installiert. DirectX wird, wenn möglich, gleich aktualisiert. Und dann kommt der große Augenblick: läuft es auf der Hardware?
Die offiziellen Anforderungen sind schon nicht allzu hoch: ein Pentium 4 2,4 GHz, 1 GB RAM für Windows XP (1,5 GB für Vista / 2 GB für Vista 64), eine Videokarte GeForce 6600GT mit 256 MB RAM, ein DVD-Laufwerk, sowie eine DirectX-9c-kompatible Soundkarte, sowie Servicew Pack 2 für Windows XP. Das sind heutzutage schon eher bescheidene Anforderungen.
Allerdings darf man diese Anforderungen auch noch teilweise unterschreiten. Ich habe das System auf einem AMD 64 X2 4000+ mit 768 MB RAM und einer Radeon X1150 Onboard-Videokarte ohne weiteres ans Laufen gebracht – insgesamt hatte der Rechner zwar 1 GB, aber ein Teil wurde eben für den Videospeicher benötigt. Wichtig sind vor allem, dass die Videokarte das Shadermodell 2 unterstützt, und dass bei Windows XP SP2 installiert ist.
Auch die empfohlene Hardware ist nicht vom Schlage der seligen Wing Commander, die berüchtigt waren, immer die übernächste Hardwaregeneration nötig zu haben: ein Dualcore-Prozessor, ein zusätzliches GB RAM (2 GB für XP, 2,5 GB für Vista), und eine GeForce 8600 oder vergleichbar sind auch für Gamer nicht unbedingt besonders hochgesteckte Ziele. Man sollte also erwarten, dass die Grafik gegen die Konkurrenz ein wenig abfällt.
Aber, und das ist der Clou, das tut sie nicht. Schon am Start in Avestreu (dem Ort, wo das Abenteuer beginnt) läuft man (bei höheren Einstellungen) über wogende Wiesen, die richtig natürlich-wild aussehen. Schatten und Umwelteffekte sehen aus, als wäre man direkt vor Ort, Libellen, Schmetterlinge und Fliegen flattern durch die Luft – alles vom Feinsten. Beinahe ist man versucht, sich zu wünschen, es gäbe inzwischen die Möglichkeit Gerüche mit dem Computer zu simulieren, damit man sich in die Wiesen setzen kann und einmal tief einatmen.
Man sieht seine Charaktere in der Regel von schräg hinten, wobei die Kamera, wenn die Gruppe Kurven läuft, auch schon einmal eine zeitlang schräg blickt, bis sie die normale Position wieder erreicht hat. Man kann aber die Kamera frei um den Helden der Gruppe, auf dem zur Zeit der Fokus liegt, drehen und zoomen, so dass man auch schlechter sichtbare Teile der Umwelt näher in Augenschein nehmen kann.
Leider führt dies in manchen Szenen zu einem… naja, ein richtiger Bug ist es wohl nicht. Manchmal kann die Kamera nicht weit genug um einen Helden herumschwenken, so dass man nicht an ihm vorbei klicken kann. Dann hilft es aber in der Regel, zeitweise den Fokus auf einen anderen Helden zu legen, und schon kann man weitermachen.
Die zweite unschöne Kleinigkeit ist die Tatsache, dass manchmal Wesen und Installationen 'kollidieren'. Wenn man gerade ein paar Riesenratten besiegt hat, sieht es schon seltsam aus, wenn die Schnauze der Riesenratte auf der einen Seite aus einer Säule hervorragt, während ihr 'Hinterschinken' und der Schwanz am anderen Ende zu sehen sind, während der Rest unter der Säule verborgen zu sein scheint.
Dennoch ist das Spiel ungemein sauber programmiert; die bei modernen Spielen unvermeidlich scheinenden Bugs und Abstürze sind bei Drakensang erfreulich rar – nicht nur ist mir das Spiel noch nicht einmal abgestürzt. Es scheint zwar vereinzelte Probleme zu geben, wenn man das Forum des Herstellers ansieht, aber alles in allem ist es ein Lichtblick verglichen mit vieler "Bananenware“ (reift erst beim Kunden), mit der man sich in letzter Zeit herumschlagen durfte.
Gesichert ist das ganze durch SecuRom, ohne Onlinecheck. Allerdings muss man die DVD (die in meinem Laufwerk ein interessantes Geräusch wie flatterndes Papier verursacht) im Laufwerk liegen haben – es gibt anscheinend mindestens eine Stelle, an der Verwender von Emulations- bzw. Cracksoftware sich in einer Gefängniszelle finden sollen, ohne einen Schlüssel und ohne Möglichkeit, wieder heraus zu kommen. So lange dies nur illegale Anwender trifft, ist ja nichts dagegen zu sagen (und hat das sogar in gewisser Hinsicht Stil), aber leider haben diese Mechanismen die Angewohnheit, auch unschuldige ehrliche Benutzer zu treffen, wenn diese nur ein wenig Pech haben.

Spieltechnisches
Drakensang ist ein Lizenzprodukt, das sowohl Neulinge als auch Kenner des Schwarzen Auges (DSA) ansprechen soll. Für letztere ist natürlich eine originalgetreue Umsetzung der detaillierten Regeln des Rollenspiels wichtig, während für die ersten wichtig ist, dass man sich ohne Probleme in das Spiel hinein finden kann. Dieser Spagat ist den Machern von Drakensang überraschend gut gelungen.
Man hat etwa zwanzig verschiedene Charaktertypen zur Auswahl, die eine gute Übersicht geben über die verschiedenen Richtungen, in denen man seinen DSA-Charakter entwickeln kann: mehrere Krieger, mehrere Magier, Elfen, Zwerge, verschiedene Diebe (die aber wie Robin Hood das Herz auf dem rechten Fleck haben) – man hat eine Menge Möglichkeiten, in welche Richtung man seinen Helden spielen will.
Der Begriff 'Held' ist hierbei bewusst gewählt. DSA ist vom Ansatz her ein 'Helden-Rollenspiel‘, das heißt, es geht davon aus, dass man jemanden spielt, der anderen gerne hilft und nicht nur auf den eigenen Vorteil bedacht ist. Es ist nicht schlimm. Wenn man auch den eigenen Vorteil im Auge behält, aber der darf nicht Selbstzweck sein. Wirklich 'böse' Helden passen allerdings nicht in dieses Spiel.
Diese Archetypen, unter denen man wählen kann (und von denen es die meisten in einer weiblichen und einer männlichen Version gibt, wenn auch nicht alle – eine männliche Amazone… ein Amazonerich? … sähe doch etwas seltsam aus), sind bereits gut spielbar und einsatzbereit. Wer DSA kennt, darf allerdings auch noch selber Hand anlegen und die Talente anpassen. Hierbei wird grundsätzlich das aktuelle Regelwerk verwendet, allerdings gibt es nur einen Teil der normal verfügbaren Talente und Zauber. Das dürfte aber nur DSA-Puristen stören.
Wie bei Rollenspielen üblich, versucht man Probleme anderer Leute zu lösen. Von einem guten Freund gebeten, ihn in Ferdok aufzusuchen, beginnt der Ärger schon damit, dass man in einem kleinen Dorf vor Ferdok (eben dem erwähnten Avestreu) aufgehalten wird. Ohne gute Fürsprecher geht da nichts. Und so beginnt man, für verschiedene Leute ihre Probleme zu lösen, in der Hoffnung, einen Fürsprecher für die Wächter zu finden.
Das Questlog ist nett gemacht, und recht übersichtlich. Leider scheint es jedoch nicht alle Kleinquests aufzunehmen. So erfährt man zum Beispiel in Avestreu, dass es in der Mühle wohl spuken soll, und man kann auch hingehen und nachsehen. Aber dies ist nicht zurückzufinden. Andererseits gibt es Mini-Questen, die man löst, sobald man sie erhält (zum Beispiel der Streit um den Apfelbaum, den man sofort im Dialog auflöst), die man daher dann nur unter den 'beendeten' Questen zurückfindet.
Auch fällt unangenehm auf, dass das erste Gebiet, in dem man sich aufhält (Avestreu und Umgebung) nicht mehr betreten werden kann, wenn man es erst einmal verlassen hat. Wer zum Beispiel das Lösen des Wolfsproblems auf später verschieben will, da der Kampf gegen die Chefin und ihre Helfer für die Charaktere noch zu schwer scheint, hat keine Chance mehr, dies später nachzuholen.
Ansonsten muss man sagen, dass die Questen sehr nett gemacht sind – Kämpfe, Rätsel etc. lösen sich in bunter Reihenfolge ab, und man hat immer etwas zu tun. Und auch der Humor kommt nicht zu kurz – wenn man eine Maschinerie reparieren soll, weil der Chefingenieur nicht zu finden ist, und nach erfolgter Reparatur selbiger Ingenieur wutschnaubend auftaucht, weil er gerade in den Eingeweiden der Maschine am Arbeiten war und von der plötzliche herausspritzenden Betriebsflüssigkeit überrascht wurde, ist schmunzeln angesagt. Auch ist der unnachahmlich schusselige Erzmagier Rakorium Muntagonus ein Lichtblick, wenn er sich auch unbeliebt machen könnte, weil er just in dem Moment, in dem man hofft, endlich die Belohnung zu erhalten, einfach wegteleportiert
Die Aufgaben sind teilweise einfach, teilweise aber auch sehr knackig, und manche Strategie aud Onlinespielen kommt auch hier zu neuen Ehren. Hierbei hilft, dass man den (eigentlich rundenbasierten) Kampf jederzeit unterbrechen kann und jedem Charakter einzeln Befehle geben kann, was er/sie denn jetzt zu tun hat. Wenn man den Kampf einfach weiterlaufen lässt, sollte man allerdings ein Auge darauf haben, was die Gruppenmitglieder so tun – je nach Basiseinstellung stürzt ansonsten auch der Heilmagier in die erste Kampfreihe, oder der Fernkämpfer steht seelenruhig da und schaut zu, wie seine Kumpels niedergemacht werden. Also: nicht von der hervorragenden Kampfanimation ablenken lassen, in der man sogar direkt sieht, wenn ein Schlag mit dem Schild abgewehrt wird. Und wer die Würfelwürfe sehen will – immerhin werden auch die Kämpfe nach den DSA-Regeln abgehandelt) kann die Konsole öffnen, in der man alle Würfelwürfe, alle Gespräche etc. nachlesen kann.
Kleiner Wermutstropfen: In den Dialogen sind in der Regel nur die ersten Sätze akustisch zu vernehmen, ansonsten muss man sich durch Textstücke klicken. Hiermit versöhnt allerdings so mancher Name der Synchronsprecher wieder – von Synchronsprechern zum Beispiel für James Bond bis hin zu DSA-Prominenz in Form vonr Martina "Amer Zarahjahn“ Nöth.
Was noch auffällt ist, dass die Regeneration von Lebens- und Astralenergie wesentlich schneller von statten geht als im P&P-DSA. Man darf also die für Zauberer beliebte Ausrede "Wenn ich jetzt zaubere, habe ich nachher beim nächsten Gegner keine Kraft mehr zur Unterstützung“ geflissentlich ignorieren. Da außerdem ein Charakter nur dann stirbt, wenn der gesamte Kampf verloren geht, ist das Charakterrisiko einigermaßen begrenzt.

Spielerisches
Wem im Startort Avestreu die Welt noch zu märchenhaft scheint, sollte sich nicht abschrecken lassen. Manche andere Gegend des Spiels ist düsterer, und auch der Wunsch nach einem Geruchscomputer dürfte spätestens beim Erscheinen des ersten Tatzelwurms verfliegen wie Rosenduft im Hochsommer. Wenn es in die Sümpfe geht, sollte man beispielsweise dafür sorgen, dass man keine störenden Reflexe auf dem Bildschirm hat, denn sonst übersieht man womöglich im Halbdunkel wichtige Einzelheiten.
Schon in Avestreu begegnet man der ersten Aventurischen Berühmtheit: Erzmagier Rakorium Muntagonus ist mit zwei Eleven, aber ohne seinen Famulus von Puspereiken unterwegs. Leider haben die Schüler sich ein wenig zu sehr mit dem Ergebnis der alchimistischen Künste der Ferdoker Brauzunft auseinandergesetzt, so dass Rakorium ihnen verloren gegangen ist. Im Wald soll ein Bär und ein Wolfsrudel die Leute angreifen, und in einigen Höhlen und Kellern machen Riesenratten sich mausig. Viel zu tun, aber nichts verglichen mit dem, was einen später noch so alles erwartet.
Man begegnet auch im weiteren Verlauf noch bekannten Aventuriern – Mitgliedern der berühmt-berüchtigten Familie Plötzbogen, zum Bleistift, man kann für die Handelshäuser Stoerrebrandt oder Neisbeck arbeiten (womit auch eine Verbindung zum Browserspiel Verschwörung in Ferdok geschaffen wird), man begegnet Graf Growin, und so weiter. Auch den Drachen, die der Titel erwarten lässt, begegnet man, wenn auch der 'Drakensang' natürlich nicht singende Drachen kennzeichnet, sondern der Name eines Berges ist.
Auch die vielen NPCs, die die Städte und Dörfer bevölkern, sind recht nett anzuschauen, und sehen sich nur bedingt ähnlich. So viele Klone, wie es mancher Screenshot glauben machen will, gibt es auch in Aventurien nicht. Es ist aber schon interessant zu sehen, wie Städter im Gespräch vertieft an einer Straßenecke stehen und sich über die Mordserie unterhalten, die man gerade untersucht, oder ganz einfach den Hafenarbeitern bei der Arbeit zuzusehen. Viele derartige Details machen die Szenerie noch lebendiger.

Boni
Schon die 'Normalversion‘ (ca. 50 €) kommt mit ein paar netten Goodies: zusätzlich zum ausführlichen Handbuch gibt es noch ein Poster mit den wichtigsten Entwicklungswegen für Kampfmanöver, und auf der DVD findet man eine Hörprobe zum Buch "Der Scharlatan“ (mit einer Szene in Ferdok) sowie das DSA-Basisregelwerk als PDF. Man erhält also, wenn man Drakensang kauft, gleich ein Rollenspiel-Regelwerk, mit dem man sich mit Freunden hinsetzen kann und loslegen. Das Basisregelwerk kostet, wenn man es als 'Totbaumversion' erwerben will, immerhin 30 Euro, da ist die PDF-Datei eine nette Zugabe.
Die 'Limited Edition' (ca. 60 €), die bereits vor Erscheinen ausverkauft war, kommt in einer Verpackung mit Drachenleder-Optik, einer (kunst-)ledernen Karte, einer Zinnminiatur und einer CD mit dem Soundtrack, der wirklich hörenswert ist. Vor allem Rollenspielveteranen können die Stücke als Hintergrundmusik bei eigenen Sitzungen verwenden, und dann stört die Musik weniger als so manche übliche 'Mittelalterband'.
Wer sich das Spiel zulegen will, sollte aber gewarnt sein: das Spiel ist gefährlich. Man läuft immer Gefahr … dass die "nur mal eben eine Stunde weitermachen“-Sitzung abends durch das unablässige Piepsen des Weckers am nächsten Morgen gestört wird, der einem sagt, dass man ja eigentlich jetzt aufstehen müsste, wenn man nicht die ganze Nacht vor dem Rechner verbracht hätte…

Ein Kommentar

  1. Anonymous sagt:

    Läuft auch deutlich drunter: Athlon XP 2400+; 512 MB Arbeitsspeicher; GF 6200TF (256 mb ram

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