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Führerquartett

Es gibt Spiele, die schon vom Namen her zu verwunderten Blicken herausfordern. Oftmals stellt sich dann hinterher heraus, dass der Titel entweder gar nichts mit dem Spiel zu tun hat, also ein reiner Marketinggag war, oder dass die vermutete Verbindung zumindest wesentlich duenner ist als gedacht. Manchmal aber erhält man auch ein Produkt, das genau das tut, was auf der Verpackung steht – und das dennoch ganz anders ist als man erwartet.

Ein solches Spiel dürfte das Führerquartett sein, das von Onkel & Onkel in Berlin herausgegeben wird. Onkel & Onkel ist eigentlich ein Buchverlag, der durch ungewöhnliche Produkte von sich reden macht (so gab es eine Sonderausgabe von Natural Born Grillers in einer folienverschweißten Fleischschale – die schwarzen Styroporschalen, in denen Frischfleich, Käse etc. im Supermarkt verkauft werden…). Von daher passt das Führerquartett natürlich hervorragend ins Programm.

Ich denke, wie ein Quartett funktioniert, braucht man den Lesern nicht unbedingt zu erzählen: man sammelt Kartengruppen aus vier Einzelkarten, indem man die Mitspieler nach Karten fragt, die diese herausrücken müssen, wenn sie sie auf der Hand haben. Wer am Ende die meisten Quartette gesammelt hat, hat gewonnen. Bezeichnend ist allerdings die Ausformulierung der Regeln im Führerquartett. Ich zitiere sie hier (ausnahmsweise) in ihrer vollen Länge, denn die Regel ist so ziemlich das unwichtigste am Spiel:

No rules! In der Liebe und im Krieg ist bekanntlich alles erlaubt, und wer kapituliert, verliert. Klitzekleine Besonderheit: Wer es schafft, seinen Mitspielern sämtliche Schwarzen Peter unterzujubeln, gewinnt.

Schon an dieser Regel ist zu erkennen, dass das Führerquartett kein 'normales' Quartett sein soll. Auch der Untertitel "Alle schwarzen Peter der Weltgeschichte in einem Kartenspiel“ dürfte deutlich machen, dass das Spiel eher als politische Willensäußerung zu verstehen ist.

Dazu passt auch die Aufmachung gut. Vor allem die Rückseite ist eine nettes Zitat eines berühmten Träger eines 'Hitlerbartes‘, der dem Namensgeber des Bartes immer vorwarf, den Bart bei ihm geklaut zu haben. Zur Rache dafür (Vorsicht, Ironie!) drehte er dann den Film 'The Great Dictator‘, in dem ein Diktator "under the sign of the double-cross“ einen Krieg führt. Eben dieses Doppelkreuz, das im Englischen als 'doublecross' auch einen Betrug angeben kann, findet man auf der Kartenrückseite sowie als die ü-Punkte auf der Titelkarte.

Die Quartette beinhalten jeweils vier Personen der Weltgeschichte, die als Revolutionsführer, Kriegstreiber, Diktatoren oder ähnliches bekannt geworden sind. Hierbei gibt es dann neben echten Ekelpaketen (Hitler, Ceausescu, Pol Pot, Dschingis Khan, Idi Amin) auch Personen, deren historische Rolle allgemein positiver gesehen wird (William Wallace, Caesar, Alexander der Große). Ähnlich den Werten in einem technischen Quartett findet man auch hier 6 'Werte‘: das Führungszeugnis (Ausbildungt), Eingeführt mit (Machtergreifung), Führungsposition (Regierungszeit), Abgeführt mit (Alter bei Ende der Regierungszeit), Abführmittel (Methode, wie die Regierung endete, sei es Selbstmord, Schlaganfall oder Putsch), und Verführungen (Anzahl der Nachkommen). Leider hat sich hier eine Ungenauigkeit eingeschlichen: bei Slobodan Miloševic steht als Alter bei der Machtergreifung 37 Jahre. Mit 37 wurde S.M. allerdings Direktor der Beograd Banska, Präsidenr Jugoslawiens wurde er 1989, mit 47 oder 48. Die Regierungszeit von 11 Jahren sowie das Alter beim Sturz stimmen aber wieder.

Zusätzlich findet man auch noch eine sehr kurze Kurzcharakteristik des Abgebildeten. Hier wird teilweise tief in die Kiste der unbekannteren Einzelheiten gegriffen – so findet man hier, dass Hitler Vegetarier war, oder dass Che Guevara Asthma hatte. Bei einigen anderen geht es aber über Gemeinplätze nicht hinaus.

Das Spiel verleitet auf jeden Fall dazu, sich weitergehend mit den abgebildeten Personen auseinanderzusetzen – wenn jemand als "Irgendwie dämlich“ bezeichnet wird, weil er erst mit Amerikanischer Hilfe "ein demokratisches System (zerstörte), um später ein neues zu errichten und dadurch gestürzt zu werden“, fragt man sich unwillkürlich, welche Geschichte dahinter steckt (in diesem Fall Augusto Pinochet’s). Insofern würde ich das Spiel tatsächlich eher als Hilfsmittel für die politische Bildung ansehen, bei mir hat es jedenfalls in einigen Fällen dafür gesorgt, dass ich mich (wieder) mit den geschichtlichen Ereignissen beschäftigte. Immerhin will man ja wissen, was geschehen ist, und sollte auch aus Fehlern lernen können, die andere gemacht haben.

Das Spiel ist inzwischen in 2. Auflage erschienen, und wurde beim Erscheinen bei Amazon für über 15 Euro verkauft, was auf dem Blog von Onkel & Onkel zu einigen gehässigen Kommentaren führte, da der empf. VK doch deutlich niedriger ist (s.u.). Inzwischen hat Amazon allerdings kräftig nachgelassen, so dass das Spiel dort noch einmal etwa einen Euro unter dem empf. VK liegt.

Hersteller

Onkel & Onkel

Autor

k. A.

Spieler

3-6*

Denken

7*

Glück

6*

Geschicklichkeit

0

Preis ca

9,90 €

* nur für den Spielwert

3 comments

  1. Anonymous sagt:

    ich hab es auch: Absolut gutes Spiel. Die obenstehende Kritik trifft ins Schwarze.

  2. […] Ein wenig erinnert World’s Worst Pack of Jerks EUF mich an das Führerquartett. […]

  3. […] Vom Inhalt her erinnert mich The World’s Worst People an das Führerquartett. […]

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