Der Einsame des Weihnachtsfestes

Merry Christmork von carlviking auf Deviantart - Verwendung unter CC-BY-SAEine Abenteueridee zu Weihnachten

Zu Weihnachten schenkt man ja gerne etwas – und ich habe mir gedacht, schenke ich meinen Lesern eine Abenteueridee. Ich gebe bewusst keine Werte an – ein guter Spielleiter sollte das Abenteuer auch so an seine Spielrunde anpassen können. Grundsätzlich kann man es in eine laufende Kampagne problemlos einbauen – allerdings könnte es ein Problem werden, wenn die Kampagne sowieso Zeitreisen und Eingriffe in die Vergangenheit verwendet.

In diesem Abenteuer werden eine ganze Reihe bekannter Tropen zum Weihnachtsfest bedient, aber ich hoffe, doch ein paar interessante zusätzliche Twists einbauen zu können.

So ziemlich jede Welt hat ein Mittwinterfest, bei dem Geschenke verteilt werden – angeblich oder tatsächlich durch ein Wesen, das das ganze Jahr mit Vorbereitungen für dieses eine Fest beschäftigt ist. Dieses Fest steht wieder vor der Türe, und die Welt ist tief verschneit (oder jedenfalls deutlich kälter als normal).

Da läuft den Helden eine Gestalt über den Weg, die einen großen Sack auf dem Rücken trägt, der mit allem möglichen vollgestopft ist. Aber: der Träger ist kein fröhlich-dicklicher Weihnachtsmann, sondern… ein Obdachloser, ein Ork, ein Klingone, ein Aussätziger, ein Unberührbarer (oder das entsprechende Gegenstück der Kampagnenwelt). Außerdem blickt er sich verstohlen um, gerade so als habe er Angst, dass ihn jemand frage, wo der Sack her komme. (Und Geschenkeabend – wie er auch immer hierzulande heißen mag – ist erst in drei, vier Tagen.)

Je nachdem, wie die SC drauf sind, werden sie den Sackträger wohl ansprechen oder sofort wegen Diebstahlsverdachts angreifen. Wenn sie ihm eine halbe Chance geben, wird er auch versuchen zu fliehen, was wiederum als Schuldeingeständnis ausgelegt werden kann.

Wenn sie ihn angreifen, wird der Sackträger sich kaum zur Wehr setzen können (er ist schwerbeladen, nicht kampferfahren und schnell kampfunfähig / tot). Die Helden stehen da mit einem Sack, der ihnen nicht gehört, und in dem eine Menge Päckchen sind, die bunt eingepackt sind. Namen / Adressen stehen keine auf den Päckchen, und wenn sie sie öffnen, explodieren die Päckchen (leichter bis schwerer Schaden).

Wenn sie den Sackträger fragen, was er denn da mit den Päckchen mache, erzählt er ihnen, er sei von einer Gestalt in einer dunklen Robe und mit einer Sense angesprochen worden, der er sich nicht so recht widersetzen wollte, und die hätte ihm den Sack in die Hand gedrückt. Mehr kann oder will er nicht sagen – und wird es auch nicht.

Wahrscheinlich bringen sie den Sackträger dann zum örtlichen Gegenstück der Polizei, wo der Kerl und der Sack in Gewahrsam genommen werden, bis sich jemand meldet, dem die Dinge abhanden gekommen sind. Wenn die Ordnungskräfte ein Päckchen öffnen, ist dem Sackträger eine Anklage wegen versuchten Mordes / Terroranschlags oder ähnlichem sicher, denn auch dort explodieren die Päckchen.

(Wenn sie ein paar Tage später noch einmal nachfragen, sitzt der Gefangene immer noch – hat höchstens noch ein paar Beulen mehr, weil er stur bei seiner Geschichte bleibt -, aber der Sack mit den Päckchen ist aus der Asservatenkammer verschwunden.)

Es sieht also aus, als habe die Gruppe einem Dieb das Handwerk gelegt, der den Weihnachtsmann (oder das örtliche Gegenstück) bestohlen hat, und nun alles wieder seinen geregelten Gang gehen könne.

Der Geschenkeabend kommt und geht – und jetzt stellt sich heraus, dass da mehr hinter der Sache zu stecken schien. Wenn auch normale Bürger Geschenke an ihre Kinder geben, dauert es etwas länger, bis es auffällt, wenn tatsächlich nur Geschenke gebracht werden sollten, gab es gar keine Geschenke. Aber irgendwie sind die Geschenke, die noch da waren, dieses Jahr auch kein Anlass zur Freude: Spielwaren sind bereits zerbrochen, wenn sie ausgepackt werden, Plätzchen bereits ranzig, Kleidung ist verschmutzt und zerrissen (obwohl die Schenkenden sich sicher sind, dass sie die Sachen in gutem Zustand verpackt haben). Es gibt zwischen den Kindern viel mehr Streit als sonst, Geschenke oder keine Geschenke, und ganz allgemein ist das Fest alles andere als festlich verlaufen.

Besonders fällt dies den Ärmsten und den Außenseitern auf (Obdachlose, Orks, Klingonen, Aussätzige, Unberührbare…): sie, die jedes Jahr irgendwo etwas fanden (nicht unbedingt schön eingewickelt), was ihnen ihr Leben ein wenig erträglicher machte, hatten dieses Jahr ebenfalls Pech. Keine Schokoladentafeln, die einem Einkäufer unbemerkt aus der Einkaufstasche gefallen sein müssen, keine Hasen in der illegal ausgelegten Schlinge, kein Goldstück, das von irgendwoher über die Gasse vor die Füße rollt.

Der Effekt, dass die Geschenke nur für Unfrieden sorgen, setzt sich bis in die höchsten Kreise durch. Je nach Spielwelt kann sich dass darin äußern, dass die Ordnungskräfte brutal(er) durchgreifen, dass die Staaten sich in Kriege verwickeln, dass Händler ihre Preise in abstruse Höhen hochschrauben etc.

Mittlerweile dürfte den SC klar sein, dass da etwas ganz übel schief gelaufen ist. Aber wie soll man das wieder gerade biegen? Die Geschenkepäckchen sind verschwunden, der Ork / Obdachlose / wasauchimmer wurde zum Tode verurteilt und das Urteil bereits vollstreckt, die ganze Situation ist ein großer SNAFU. Wer will, kann das ganze Chaos auch noch weiter ausbreiten, bis hin zum FUBAR.

Jetzt ist die Frage: Wie macht man das ganze ungeschehen? Und da bleibt nur eine Zeitreise, und die Frage, wie man das bewerkstelligt.

Wenn die Gruppe dazu in der Lage ist, kann sie ja selber eine Zeitmaschine bauen, die zurückspringt in der Zeit, um das ganze zu korrigieren. Vielleicht kennt sie auch einen Magier / Wissenschaftler, der ihnen hierbei helfen kann.

Wenn alles schief geht, hört die Gruppe eines Abends ein komisches auf- und abschwellendes Heulen, als streiche jemand mit einem Geigenbogen nicht quer sondern längs über eine Saite. Wer nachsieht, findet eine seltsame blaue Kiste, etwa doppelt bis dreimal so groß wie ein Sarg, blau, mit Aufschriften – ob man sie lesen kann, hängt davon ab, ob man Englisch kann… – oder auch irgend einen Gegenstand, der dort, wo er steht, hin passt, obwohl man sich sicher ist, ihn noch nie da gesehen zu haben. Eine zweite Orgel unterhalb der Orgelempore in einer Kirche, eine zusätzliche Säule in einem Säulengang, ein Dixie-Klo auf einem Konzert, ein Aktenschrank, der einen Behördengang beinahe versperrt… Wer noch keine Ahnung hat, was das für eine Kiste sein könnte, kann sich ja hier auf English oder hier auf Deutsch schlau machen.

Die wesentlichen Schritte werden die SC aber selber durchführen müssen: Sei es, dass der Doktor sich verletzt hat, oder aus einem anderen Grunde nicht eingreifen kann. Zunächst einmal müssen sie zurück, in die Asservatenkammer einbrechen und den Sack stehlen. Und dann müssen die Päckchen geliefert werden.

Ist das ein Problem, denn zum einen ist gar nicht genug Zeit an einem Tag, auch für eine ganze Gruppe Weihnachtsmänner, zum anderen stehen keine Adressen auf den Päckchen? Nun, was die Zeit angeht – die Gruppe sollte schon selbst darauf kommen, dass ihnen ja eine Zeitmaschine zur Verfügung steht – sie müssen nur darauf achten, dass sie sich selbst nicht stören. Und den Päckchen scheint es egal zu sein, wohin sie gebracht werden – sie passen sich an die anderen Geschenke an. (Wer will, kann ihnen ja eine Art Chamäleonschaltung zugestehen.)

Alles klar? Dann heißt es, überprüfen, ob die SC an alles gedacht haben. Nicht nur die Häuser mit Geschenken, auch die Obdachlosen, Orks, Klingonen… haben ein “Recht” auf ihr Geschenk. Und wenn die Gruppe beim ersten Mal diese Leute vergessen hat, wird sie jetzt ziemlich aufpassen müssen, dass sie sich nicht selbst behindert oder begegnet.

Und bei der Endabrechnung sollte die “Belohnung” der Spieler auch und vor allem von folgenden Punkten abhängen:

  • Hat die Gruppe ein fröhliches “Ho Ho Ho” hören lassen – zumindest im Charakter?
  • Hat die Gruppe selbständig an die Orks / Obdachlosen / Unberührbaren… gedacht, oder musste sie die ganze Arbeit doppelt machen? Letzteres wäre natürlich ein Grund, weniger Belohnung zu geben
  • Denken die SC an ein Geschenk für den Doktor?
  • Schenken sie sich gegenseitig etwas?
  • Ergibt sich insgesamt ein wenig Weihnachtsfeeling?

Das war es, ich hoffe, das Abenteuer hat ein wenig gefallen. Und wer sich fragt, was dem Außenseiter am Anfang zugestoßen war: sei es, dass jedes Jahr der Tod jemanden aussucht, der die Rolle des Weihnachtsmannes spielen soll – und dabei bevorzugt einen Außenseiter nimmt, weil bei dem nicht so auffällt, wenn er einen Tag lang unterwegs ist -, oder dass der Weihnachtsmann aus irgend einem Grund ausfällt (vielleicht eben wegen des Besuches des Sensenvertreters), auf jeden Fall war dem Ärmsten der Sack tatsächlich so wie er beschrieb übergeben worden, und weitere Instruktionen sollte er noch in Träumen erhalten…

 

Hiermit dann Frohe Weihnachten.

Ein Kommentar

  1. […] Vielleicht hat ja der eine oder andere auch für die Feiertage einen Spieleabend oder eine Rollenspielrunde geplant. Für ein derartiges Unterfangen wünschen wir natürlich auch viel Spaß und ein gutes Gelingen. Vielleicht gibt es ja sogar ein weihnachtliches Abenteuer im Stile unseres Einsamen des Weihnachtsfestes? […]

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