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SchnutSchnutenbach: Böses kommt auf leisen Sohlen

Systemunabhängige Materialsammlungen fürs Rollenspiel waren früher einmal sehr populär, sind aber in den letzten Jahren selten geworden. Gerade in den 80ern und 90ern des vorigen Jahrhunderts gab es Sachen wie Grimmzahns Fallen, Citybooks (von denen eines als Tödliches Al“Anfa und ein anderes als Teerjacken und Landratten für DSA überarbeitet wurden), die Saga-Reihe und so weiter. Es schien, als seien systemunabhängige Werke das Ding der Zukunft: keine Spielwerte für ein bestimmtes System, so dass jeder Spielleiter sie an das eigene System und die eigene Gruppe anpassen konnte. Auch universale Abenteuer wurden geschrieben.

Irgendwann aber verschwanden diese universalen Materialien, so dass man sie heute fast nur noch in der Grabbelkiste und in antiquarischen Läden findet – sowie bei Bring-n-Buys auf Cons, wenn man viel Glück hat. Dennoch wagt der Mantikore-Verlag mit Schnutenbach: Böses kommt auf leisen Sohlen das Experiment, wieder einmal ein Universalabenteuer herauszubringen. Es ist aber kein Eigengewächs der Mantikore, sondern entstand in Zusammenarbeit mit der Spieleschmiede, oder genauer gesagt: vor allem mit dem Spieleschmiede-Gründer Karl-Heinz Zapf als Autor.

So ganz neu ist Schnutenbach aber nicht, denn mit dem alternativen Nebentitel Das Chaos kommt auf leisen Sohlen gab es bereits eine Frühform der Dorfbeschreibung für die Warhammer-Welt, die es immer noch im WFRP-Archiv zum Download gibt. Allerdings ist die neue Version wesentlich weiter ausgebreitet, neu illustriert und in vielen Bereichen auch neu geschrieben. Mit einem Erscheinungsdatum von 2000 liegt es aber auch schon ziemlich am Ende der Universalmodule-Zeit.

Damals war es ja auch noch üblich, dass Rollenspielmaterial in Softcovern angeboten wurde, während heutzutage das Hardcover deutlich überwiegt. Und so hat auch das neue Schnutenbach einen festen Einband, der den etwa 200 Seiten des Buches einen passenden Rahmen gibt. Das Titelblatt sieht ziemlich düster aus, was bei Einführung des Dörfchens in eine Kampagne eher deplaziert wirkt: Schnutenbach wirkt auf den unbedarften Besucher zunächst einmal heimelig, normal und ein wenig rückständig. Dass nicht alles so ist wie es scheint, wird aber schon durch den Untertitel (oder sollte man sagen Obertitel, denn auf dem Cover steht es über dem eigentlichen Titel?) bestätigt.

Wirklich universal ist die Beschreibung natürlich nicht – das wäre auch gerade für eine Fantasy-Ortsbeschreibung wohl ein wenig zu viel verlangt. So ziemlich jede Fantasy-Welt hat ja einen eigenen Götterhimmel, und dasselbe gilt auch für Schnutenbach. Ob die beiden Pantheons kombinierbar sind – zum Beispiel, indem ein Gott durch einen anderen ersetzt wird -, muss jeder Spielleiter für seine eigene Kampagne selbst aussuchen.

Das Layout ist übersichtlich und gut lesbar, zwar sind die Seiten grau und haben einen dunkelgrauen Schmuckrand, aber dieser läuft nicht in die Texte. Der Druck ist schwarzweiß, die Bilder (meist Portraits der Einwohner, aber auch einige Stimmungsbilder, und natürlich Grundrisse der Gebäude) aber dennoch sehr schön anzuschauen. Im großen und ganzen wäre ein farbiges Buch wohl auch eher unpassend. Auch das Korrekturlesen hat im großen und ganzen gute Erfolge gezeitigt – dass einmal ein Waldelf nach dem ersten L bereits getrennt wurde, ist mir noch im Gedächtnis geblieben weil dies auch noch über eine Seitengrenze hinweg geschah.

Der einzige Punkt, an dem mich das Layout enttäuschte, war die Karte des Ortes: Sie hat etwa A4-Format, ist aber querliegend – und auch querliegend abgedruckt, so dass sie über den Buchfalz hinweg ragt. Das sieht nicht nur unschön aus und ist unhandlich, man würde die Karte auch gerne den Spielern vorlegen, so gut ist sie. Nicht einmal die Nummerierung der Gebäude spoilert hier in welcher Art auch immer: es gibt keine absolut unbedeutenden Gebäude, sodass jedes Gebäude eine Nummer trägt – und man nicht sagen kann "Das Gebäude hat keine Nummer, das kann nicht wichtig sein.“ Wäre die Karte hinten noch einmal im Querformat abgedruckt, könnte man sie zumindest in akzeptabler Form herauskopieren; ersatzweise wäre natürlich ein Download der Karte ebenfalls ganz nett.

Insgesamt gibt es in Schnutenbach 37 "Häuser“ (einschließlich Besonderheiten wie zum Bleistift eine Halblinghöhle), außerdem werden einige Orte in der näheren Umgebung beschrieben, wie ein Magierturm, ein Räuber- und ein Zigeunerlager etc. Eine Reihe von weiteren Informationen zu dem Basissetting wird in Kästen auf verschiedenen Seiten gegeben, so dass man auch ohne eine eigene Welt Schnutenbach erst einmal als Basis für eine Kampagne nutzen kann: Es wird eine Menge Zeit vergehen, bis man alle Geheimnisse des Ortes aufgedeckt hat – oder sich entschieden hat, sie unter den Teppich gekehrt zu lassen. Was mir allerdings fehlte, ist eine kurze Übersicht, welches Gebäude was darstellt, im Stile von: 1 – Gasthaus, 2 – Fischerhütte, 3 – Krämerladen, 4 -Tempel … So könnte man den Spielern, wenn sie über der Karte brüten, auch schnell ein paar wenige Worte zu den einzelnen Gebäuden sagen, ohne jedes Mal durch das Buch blättern zu müssen.

In diesen Gebäuden wohnen eine Menge Einwohner, von denen über 100 näher beschrieben werden – was aber nicht alle Einwohner des Ortes sind. Viele von diesen Personen haben das eine oder andere kleine oder auch größere Geheimnis – von einer platonischen Verliebtheit in die Frau eines anderen bis hin zu kriminellen Aktivitäten ist da alles drin. Oftmals sind die Geheinmnisse dann wieder mit anderen Personen verknüpft – noch ein Punkt, an dem das Fehlen eines Index schmerzlich auffällt.

Nach gut 100 Seiten gibt es dann auch erst einmal ein paar Kurzszenarios, in denen man sich ansehen kann, was man denn so alles mit den Informationen aus dem ersten Teil anfangen kann – ein Abenteuer ist nach den Beschreibungen im ersten Teil ziemlich offensichtlich, das zweite schon weniger, und das dritte hatte ich zumindest nicht kommen sehen, obwohl es zu den Charakteren passte. Das vierte wiederum zeigt, wie man seinen Spielern auch neue Informationen im Rahmen eines Szenarios zukommen lassen kann – hier die Existenz einer neuen Tierart.

Anschließen kommen drei längere Szenarios, von denen das erste auf Informationen zu einer Gruppe besonders unfreundlicher Bewohner Schnutenbachs aufbaut – allerdings kommen diese eher nicht auf leisen Sohlen daher, sondern sind ziemlich selbstherrlich. Das zweite Szenario führt die Spieler in einen Nachbarort, in dem sich übles zusammenzubrauen scheint. Im dritten wiederum kann man in Schnutenbach bleiben – hier kommt das Böse zu den Helden, statt dass die Helden zu den Bösen gehen müssten.Aber auch dieses Abenteuer ist eher ein Problem der Außenwelt, nicht des Dorfes selber.

Nun folgt eine Begegnungstabelle. Ich bin ja kein großer Freund solcher Tabellen, vor allem wenn sie mit Würfellisten daherkommen, um Beggenungen auszuwürfeln: Dies verleitet leider allzu viele Spielleiter dazu. Das Hirn auszuschalten und stattdessen den Würfeln zu vertrauen. Die Begegnungsbeschreibungen selber aber – einschließlich einiger Vorschläge, wie es weiter gehen könnte – sind sehr schön, und versöhnen mich mit der Liste.

Nun kommt dann auch noch ein "vollwertiges“ Abenteuer: 15 Seiten um mörderische Ereignisse wiederum in einem Dorf in der Nähe von Schnutenbach. Was ist mit einem verschwundenen jungen Burschen geschehen? Wenn die Spieler sich extrem schlau verhalten, können sie einem Mörder das Handwerk legen – aber wahrscheinlicher ist, dass sie erst hinterher erfahren, was geschehen ist.

Leider sind mehrere dieser Szenarien und auch das längere Abenteuer nicht un Schnutenbach selbst angesiedelt, was ich schade finde. Interessant sind die Abenteuer trotzdem (auch wenn man das letzte Abenteuer an einer Stelle schnell aushebeln könnte, wenn man auf die richtige Idee kommt…), insofern ist der Platz nicht komplett veschwendet.

Abgeschlossen wird der Band mit einer Übersicht über alle vorgestellten Charaktere – nicht nur die Schnutenbacher, sondern auch die Charaktere aus den nicht in Schnutenbach spielenden Abenteuer -, mit Einer Wertung der Charaktere im System "Mächte, Mythen, Moddermon Mutationen“, das nur gedacht ist, dem Spielleiter eine Übersicht zu ermöglichen, wie stark, geschickt, schlau etc. jemand ist, ohne ein komplettes Rollenspielsystem darzustellen. Die Charaktere erscheinen hier in derselben Reihenfolge, in der sie auch im Buch erscheinen.

Wenn man von den genannten kleinen Fehlern absieht (Karte des Ortes, fehlende Indizes, Abenteuer außerhalb), ist Schnutenbach trotz allem ein sehr interessantes Buch. Die Verknüpfungen der Charaktere untereinander verleiten einen dazu, auch ohne eine aktuelle Fantasy-Spielrunde Abenteuer um die Geheimnisse und Eigenarten der Charaktere zu entwerfen. Wer keine Runde hat, wird so vielleicht noch angespornt, endlich wieder eine zusammenzubekommen.

Mir hat der Band hervorragend gefallen, und er ist sein Geld absolut auch wert.

Hersteller Mantikore-Verlag und Spieleschmiede
Autor Karl-Heinz Zapf
Illustrationen Ulrike Kleinert, Isabel Kutsch
Spieler RPG
Denken RPG
Glück RPG
Geschicklichkeit RPG
Preis 24,95 €

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Ein Kommentar

  1. […] Abenteuerort nennt sich Kaltenanger und ist notwendigerweise deutlich weniger ausgearbeitet als Schnutenbach (unsere Rezension) – der Abenteuerband hat gerade mal 15 Textseiten, hinzu kommen noch drei […]

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