Zwischen den Fronten

InvasNormInvasion der Normannen

Manchmal dauert es etwas länger, bis eine Rezension geschrieben wird. Das ist zugegebenermaßen in diesem Fall der Fall: das Spielbuch-Abenteuer WELTGESCHICHTE: Invasion der Normannen ist bereits seit der RPC in meinem Besitz, aber ich komme erst jetzt dazu, eine Rezension zu schreiben. Dies liegt nicht zuletzt an der Tatsache, dass der Band dem Spieler mehrere Loyalitäten anbietet, die jeweils zu anderen Ergebnissen für den Spieler führen.

Die Geschichte spielt im Jahr 1066 A.D., die zentrale Figur ist Hugh de Bouard, zweiter Sohn eines normannischen Edelmannes. Das Jahr 1066 war ein entscheidendes für die britischen Inseln, nach dem Tod Edward des Bekenners erhob sich ein Thronfolgestreit zwischen Harold, Harald HÃ¥rdrade von den Wikingern und William dem Normannen. In mehreren Schlachten wurden die Weichen gestellt für die Normannische Herrschaft über England, und als Sohn eines Normannen mit einem Englischen Lehnsherrn steckt der Spieler mitten drin.

Vom Außenformat her erinnert das Buch an die alten FantasyAbenteuerSpielBücher von Thienemann, hat aber einen etwas leichteren Deckel und ist nicht so breit. Innen findet sich eine Geschichte in 300 Abschnitten, die je nach den Entscheidungen des Spielers nur teilweise gelesen werden – ein typischen Spielbuch eben. Allerdings ist der Regel- und Hintergrundteil des Buches deutlich größer geraten.

Dies liegt zum einen an der historischen Komponente: Man hat Gelegenheit, die Geschichte tatsächlich mitzuerleben, aber für jeden, der sich hinterher (oder vorher) für die tatsächlichen historischen Abläufe interessiert, findet sich zu Beginn des Buches eine Ãœbersicht über das Jahr 1066, am Ende dann eine Ãœbersicht über die weiteren Folgen in den nächsten Jahren. Die reinen Fantasy-Bücher wie der Hexenmeister vom flammenden Berg hatten keine historische Einordnung nötig und sparten sich daher diesen Teil, den ich allerdings interessant fand.

Zugegeben, ich bin kein Geschichtswissenschaftler und kann daher auch nicht sagen, wie historisch genau und korrekt die Geschichte hier wiedergegeben wird. Was ich aus meinem eigenen bescheidenen Wissen her allerdings bereits wusste, wird hier gut wiedergegeben – die Geschichte scheint insofern historisch “korrekt” zu sein, wie ein guter “historischer Roman”.

Alles beginnt am Totenbett König Edwards, und gleich eine der ersten Fragen, denen der Spieler sich stellen muss, ist die seiner anfänglichen Loyalität: Bleibt er loyal zu Harold (als Lehnsmann König Edwards), oder ist Blut dicker als Wasser und er arbeitet für William? Die Entscheidung muss auch nicht endgültig sein, immerhin erhält man im Laufe der Zeit wiederholt die Gelegenheit, die Seiten zu wechseln. Allerdings muss man auch ein wenig aufpassen, denn wenn man die falschen Entscheidungen trifft, kann es sein, dass man ziemlich schnell das Abenteuer beendet sieht.

Neben den Entscheidungen des Spielers sind natürlich auch die Fähigkeiten und Fertigkeiten des Hugh de Bouard wichtig, die man sich selber zusammenstellen kann. Es gibt insgesamt sieben Fertigkeiten, und man darf 50 Punkte hierauf verteilen: Stärke, Schnelligkeit, Glück, Ãœberredungskunst, Wurfspeer, Schwertkampf und Reiten. Und wer denkt, dass man nur den Speer oder das Schwert benötigt, wird eine böse Ãœberraschung erleben: grundsätzlich hat man (gerade als Edelmann wie Hugh) dieselbe Waffe zu verwenden wie der Gegner, und wenn man von einem Speerkämpfer an gegriffen wird, hat man selber eben auch den Speer zu nehmen.

Auf die Werte wird mit zwei sechsseitigen Würfeln (2W6) gewürfelt (mit dem Ziel kleiner oder gleich dem Wert der Fertigkeit zu bleiben). Hierfür gibt es auch eine Zufallstabelle im Buch, die man verwenden kann, aber die ist im Regelteil relativ ungünstig platziert. Außerdem sollen hiermit auch Ergebnisse von 1W6 simuliert werden können, indem der Wert halbiert wird, aber dies führt zu einer ungleichmäßigen Verteilung, weil man die 3 und 4 dann wesentlich häufiger erwürfelt als mit einem echten W6.

Schaden (jede verlorene Kampfrunde kostet einen Punkt Schaden) ist direkt von der Stärke abhängig (die Hälfte des Wertes), was die Tatsache ausgleicht, dass Stärke im Abenteuer direkt eher selten geprüft wird.

Es gibt auch einen Charakterbogen im Buch, aber der ist (wie auch zu Urzeiten bei den Fighting Fantasy Game Books von Puffin) ebenfalls mitten im Regelteil abgedruckt, wodurch er auch schlecht zu kopieren ist. Glücklicherweise kann man ihn aber auch von der Webseite des Verlages herunterladen und ausdrucken, was ich jedem Spieler empfehlen würde.

Die Entscheidungspfade bieten leider eine nicht zu unterschätzende Anzahl “sudden death”-Situationen, die man vorher nicht erkennen kann. Dennoch gibt es auch eine Reihe Alternativen, die zu neuen Einsichten führen, so dass man das Buch eher mehrfach durcharbeiten kann als die FF-Bücher, die oftmals erforderten, dass man einen ganz bestimmten Weg ging, weil man ansonsten nicht alle Informationen und/oder Gegenstände erwerben konnte, die für das Bestehen notwendig waren.

Andererseits hat man aber oftmals das Gefühl, dass die Geschichte wie eine Ploteisenbahn die Anstrengungen des Spielers entwertet. Man hat zwar immer wieder einmal das Gefühl, durch bestimmte Informationen ein wenig im Hintergrund die Fäden gezogen zu haben, aber im Endeffekt kommt doch alles so, wie es im Jahr 1066 schon geschehen ist, und am ende sitzt William (the Conqueror) auf dem englischen Thron.

Mir hat der Band gut gefallen, auch wenn ich bezweifle, dass man hiermit mehr als nur sehr vereinzelte Leser mit einem größeren Interesse an Geschichte infizieren kann, was eigentlich ein explizites Ziel des Buches ist. Zum einen dürften Leute, die das Buch in die Hand nehmen, meist sowieso schon ein Grundinteresse zeigen (geschichtliches Interesse ist ja bei Rollenspielern leicht überdurchschnittlich vertreten), zum anderen dürften Leute, die sich nicht für Geschichte interessieren, auch dieses Buch eher links liegen lassen. Und als Lehrbuch zu einer kurzen Epoche der Geschichte dürfte das Buch mit knapp 12 Euro zu teuer sein. Wobei ich mir vorstellen könnte, dass das Buch den Geschichtsunterricht gut ergänzen könnte.

Hersteller Mantikore-Verlag
Autoren John Sutherland, Simon Farrel
Spieler RPG
Denken RPG
Glück RPG
Geschicklichkeit RPG
Preis 11,95 €

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Ein Kommentar

  1. […] haben die Buchversion des Abenteuers hier […]

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