Die Karawane zieht weiter

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KashgarKashgar – Händler der Seidenstraße

Das Prinzip des Deckbuildings an sich ist nun nicht mehr neu – nun, als Kashgar erdacht wurde, war es das noch, allerdings lag die Idee, die Gerhard Hecht hatte, wohl eine Weile zunächst herum und wurde nun in Form von Kashgar bei Kosmos veröffentlicht. Eines vorneweg – es ist kein reiner Deckbuilder, und außerdem funktioniert er auch anders als einige bekannte Formate, aber das Grundprinzip ist, dass man langsam aber sicher ein (oder in diesem Fall mehrere) Decks aus Karten zusammenstellt, erweitert, umbaut und im Endeffekt tunt, bis sie das tun, was sie sollen, um einem zum Sieg zu verhelfen.

Aber schauen wir uns erst mal an, was in der Schachtel so drinsteckt. Da sind 4 Spieltableaus, die Zahlen von 0-9 für die Gewürze Ingwer, Nelken, Pfeffer, Anis und Zimt sowie für Gold und 0-6 für Mulis zeigen, 20 Gewürzmarker in Säckchenform aus Holz, 4 Goldmarker und 4 Mulimarker, und letztendlich insgesamt 165 Karten. Eine Ecke Luft ist danach durchaus noch in der Schachtel, allerdings nicht in allen Dimensionen – und Kosmos-Schachteln sind nun mal einfach quadratisch, von daher ist das verständlich. Die Karten sind von guter Qualität, die Tableaus aus stabilem Karton, und die Grafik ist durchweg schön und ansprechend. So weit so gut – was machen wir denn jetzt mit den Karten?

Nun, wir eröffnen pro Spieler drei Karawanen. Diese bestehen zunächst aus einem Patriarchen (eine sogenannte Wendekarte – auf seiner Rückseite gibt’s nämlich eine Matriarchin) und einer Startkarte – davon gibt es genau 12 verschiedene (heißt, bei 4 Spielern spielen alle mit, sonst je Spieler drei weniger). Der große Unterschied zu vielen anderen Deckbuildern ist, dass diese Karawanen nun nicht gemischt, sondern vielmehr offen gespielt werden (und immer nach hinten angeschlossen). Jede Figur hat ein oder mehrere mögliche Funktionen, wobei es Karawanenaktionen (ausführen, Figur wird wieder hinten eingereiht) und Abschiedsaktionen (ausführen, Karte kommt dann aber aus dem Spiel) gibt. Die Funktionen werden in der Regel benutzt, um den Vorrat der verschiedenen Güter zu verändern (oft werden wenige von einer Ressource gegen mehr von anderen getauscht), oder Aufträge zu erfüllen – denn die Auftragskarten, von denen immer vier ausliegen, sind die Hauptlieferanten für Siegpunkte (auch einige Personenkarten bringen Siegpunkte, manche aber auch Minuspunkte). Und wer an der Reihe ist, aktiviert eben eine seiner Karawanen – welche ist ihm überlassen – und führt eine der möglichen Aktionen aus, oder passt, was bedeutet, dass die Karte einfach so wieder hinten eingereiht wird (wenn man die Funktion gerade nicht gebrauchen kann, oder sie nur eine Abschiedsfunktion hat, man sie aber nicht einsetzen möchte).

Die Patriarchen dienen vor allem dazu, neue Mitreisende anzuwerben – früh im Spiel sehr wichtig, später ggf. sogar eher hinderlich; andere Karten bieten unterschiedliche weitere Möglichkeiten, und welche gerade praktisch ist, muss man aus der jeweiligen Situation ersehen – irgendwie ist dieser Deckbuilder einer für Opportunisten (und das macht ihn mir sehr sympathisch). Man kann allerdings die neuen Mitreisenden nur in begrenztem Maße genau bestimmen – der Patriarch lässt einen zwei Karten ziehen, von denen man eine wählen muss, die andere wird abgelegt. Einige andere Reisende haben da andere Möglichkeiten, manche können sogar Karten von einer Karawane in eine andere verschieben (kann sehr nützlich sein, denn es gibt auch Karten, die davon profitieren, wenn ihre Karawane sehr groß ist), ansonsten möchte man oft die Karawanen eher übersichtlich behalten, weil man sich dann besser auf ihre Mechanismen verlassen kann. Immerhin hat man drei Karawanen zu managen – also hat man zumindest eine gewisse Kontrolle darüber, was man wo wie tun kann, allerdings sollte man auch seine Mitspieler im Auge behalten, denn kaum etwas ist ärgerlicher, als dass einem jemand einen Auftrag gerade vor der Nase wegschnappt…

Der Opportunismus regiert hier wirklich, und man sollte alle Eventualitäten im Auge behalten. Hat da jemand einen interessanten Mitreisenden abgeworfen? (der Ablagestapel ist jederzeit einsehbar). Dann lohnt es vielleicht, den Patriarchen mal zur Seite zu stellen und die Matriarchin walten zu lassen – tut sie eh nur für eine Runde, dann kommt Männe zurück, aber diese Runde kann sehr sinnvoll sein. Ist es gerade ein günstiger Deal, den Quacksalber aus einer Nelke 4 Einheiten Gold machen zu lassen, oder brauchen wir die Nelke gleich für einen Auftrag? Soll ich die Abschiedsaktion meiner Startkarte nutzen, oder ist es dazu zu früh? Das wird in jedem Spiel anders aussehen, und wenn man auch noch die "Hauen & Stechen“ Karten untermischt, kann das Ganze noch ein wenig den Ärgerfaktor steigern (der ohne diese Karten noch gut überschaubar ist).

Die geschätzte Spielzeit ist realistisch – man spielt ungefähr ein Stündchen an einer Partie, und auch der Wiederspielwert ist gegeben, da die Karten ja immer neu gemischt werden. Bestimmte Taktiken sind sicherlich generell effizient, aber ob man die passenden Karten früh oder überhaupt bekommt, ist dann doch ein wenig glücksabhängig – man ist besser beraten, aus dem, was man hat, direkt etwas zu machen, als lange auf bestimmte Karten zu spekulieren (dafür ist der Standardstapel einfach zu groß). Zu Ende ist das Spiel jedenfalls, sobald ein Spieler 25 oder mehr Siegpunkte erreicht – dann können die Mitspieler noch den Rest der Runde versuchen, das zu überbieten, sonst hat er eben gewonnen. Also sollte man da schon einen gewissen Überblick bewahren (auch Siegpunkte sind immer einsehbar) – etwas Konzentration kann da schon mal vonnöten sein.

Die Altersempfehlung ab 12 Jahren ist vertretbar, aber aufgeweckte Zehnjährige sind hier auch nicht überfordert; insofern ist Kashgar sicherlich auch als Familienspiel geeignet. Vor allem bietet es sich dank der überschaubaren Spieldauer auch eher einmal an, wenn man eben weniger Zeit für einen großen Aufbau hat – ein Stündchen hat man sicherlich mal, aber mehrere davon sind ja leider viel zu selten. Auch das Preis/Leistungsverhältnis ist in Ordnung, und der Preis liegt auch im Rahmen der meisten Geschenkebudgets – meine Testspieler haben mir alle gesagt dass sie es gerne wieder spielen werden, und das sehe ich genauso.

Hersteller Kosmos
Autoren Gerhard Hecht
Künstler Imelda und Franz Vohwinkel
Spieler 2-4
Denken 7
Glück 5
Geschicklichkeit 0
Preis ca. 29,99 €

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3 comments

  1. Jan Karl Reiter sagt:

    .. dä Sultan dä hätt Dooscht? :)

    Wie ist es mit der Spielregel? War die nicht dabei? Oder kann man die sich irgendwo herunterladen?

  2. roach sagt:

    Und wenn man sie downloaden will, kann das hier (PDF, 3,6 MB)

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