Die schreibende Zunft

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Extra! Extra!

Extra ExtraSelten einmal kann ich bei einer Rezension einen Kreis schließen. Einen recht kleinen, aber effektiven Kreis kann ich mit dieser Rezension so halbwegs zeichnen. Im Spiel Extra Extra von Mayfair geht es nämlich um die sogenannte „schreibende Zunft“. Abgesehen von der Bauchnabelbetrachtung ist dies der kleinstmögliche Kreis: ein Journalist schreibt über ein Spiel über Journalismus.

Viele Leute machen sich falsche Vorstellungen davon, wie es in einer Tageszeitung zugeht – das ist heutzutage zwar schon einiges besser geworden als früher, schon durch die Möglichkeiten der EDV im redaktionellen Prozess. Auch sind die Sitten in verschiedenen Ländern sicherlich ein wenig unterschiedlich, auch wenn manches durch die Technik bedingt ähnlich sein dürfte. Ein wenig kommt allerdings im Spiel Lou-Grant- oder auch Clark-Kent-Feeling auf, was man schon als gutes Zeichen betrachten darf.

In der Schachtel steckt:

  • die Spielregel auf Englisch
  • ein dreiteiliges Spielbrett
  • 6 Spielerbretter
  • 30 Reporterfiguren
  • Geldmarker zu 100 und 500 Dollar
  • 6 Schlagzeilenmarker
  • 12 Nmarekr für „Classifieds“
  • 60 Story-Marker
  • 18 Anzeigenmarker
  • 6 Kolumnenmarker
  • 4 Interviewmarker
  • 6 Spezialitäts-Marker
  • 12 Extra!Extra!-Marker
  • 24 Schnipselmarker
  • 42 Karten Foto-deck
  • 42 Karten Textdeck
  • 42 Karten „Features“-Deck
  • 12 Korrespondenten-Karten
  • 5 Drucklegungs-Karten
  • 5 Szenario-Karten
  • 12 Übersichts-Karten
  • 6 Redakteurs-Karten
  • eine Karte Startspieler

Zunächst einmal fielen mit ein paar Ungenauigkeiten auf. Unter „Classsifieds“ verstehe ich Kleinanzeigen, hier sind damit kleine Dinge gemeint, die man auf der Titelseite einer Zeitung finden kann: Kreuzworträtsel, Cartoon und Radioprogramm. Damit wird auch schon deutlich, dass es eher um Zeitungen geht, wie sie in den 20er und 30er Jahren in den USA vertrieben wurden.

Ähnlich ist es mit dem Titel. Der Ruf der Zeitungsjungen in der Zeit, zu der das ganze zu spielen scheint, war meines Wissens eher „Extry Extry“ – eine Verballhornung von Extra.

Die Marker stecken in Stanzbögen, aus denen sie sich gut heraauslösen lassen. Auch die Karten haben gute Qualität. Die Journalisten-Figuren sind einfache Carcassonne-Meeple.

Im Spiel wird der Weg der Nachrichten von der Quelle bis zur fertigen Zeitung nachvollzogen. Als Herausgeber einer Zeitung erwirbt man Stories, lässt sie schreiben und setzen und druckt schließlich die Zeitung, um möglichst viele Auflagenpunkte (Circulation Points, Cps als Siegpunkte) zu erhalten. Wie üblich ist der Wert einer Story für eine Zeitung hierbei auch vom Thema abhängig.

Jeder der bis zu sechs Spieler hat eine Zeitung mit einem besonderen Hauptthema. Die eine Zeitung ist besonders bekannt für Lokalnachrichten, die andere für Sportberichterstattung, eine andere für ihre politischen Artikel etc. Auch die Artikel und Fotos, um die es in dem Spiel geht, gehören jeweils in eine dieser Kategorien.

Die verschiedenen Szenarien des Spiels kennzeichnet verschiedene Zeitungsformate und Aufgaben: vom „Tabloid“ – Boulevardzeitung – über Berliner zum Broadsheet sind unterschiedlich viele ‚Felder‘ mit Artikeln zu füllen. Das Spiel abstrahiert hierbei von der Qualität der Artikel und richtet sich alleine auf die Größe. So hat ein Tabloid deutlich weniger Platz als ein Broadsheet. Dies hat unter anderem Auswirkungen auf die Spieldauer.

Eine Runde besteht aus verschiedenen Phasen, die der Reihe nach von allen Spielern durchlaufen werden.

Zunächst einmal wird das Artikelangebot auf dem Nachrichtentisch, bei den Nachrichtendiensten und im Archiv aufgefüllt. Der Nachrichtentisch ist hierbei eine Sammlung von nachrichten- und Foto-angeboten, die aus der ganzen Welt den Zeitungen angeboten werden. Sie werden nach verschiedenen Städten (Berlin, Tokyo…) getrennt angeboten, wobei oftmals aus einer Stadt mehrere Artikelbausteine kommen.

Anschließend erhält jede Zeitung (jeder Spieler) Geld im Werte von 400 Dollar und muss anschließend hiermit (und mit ggf. noch vorhandenem Geld der letzten Runden) die vertraglich gebundenen Journalisten bezahlen. Wenn man sie nicht bezahlen kann, verlassen sie die Zeitung und man muss sie neu anheuern, wenn man sie in einer späteren Runde wieder verwenden will. Man kann allerdings keine Journalisten entlassen, wenn man noch Geld hätte um sie zu bezahlen – im Endeffekt kann man sie später allerdings viel taktischer noch feuern…

Anschließend kann man Korrespondenten (Informanten vor Ort) nutzen, die einem eine der Nachrichtenkarten aus der Auslage verschaffen.

Nun kommt man dazu, seine Reporter einzusetzen. Hierzu setzt man reihum je eine Reporterfigur auf ein Feld der Spielfelder, wobei man sie, wenn man will, auch noch mit Geld ausstatten kann. Viele der Felder sind nämlich nur durch einen Reporter zu besetzen, und wenn jemand anderes das gleiche Feld verwenden will, muss er einen Reporter mit mehr Geld dorthin schicken. Der überbotene Journalist kommt mit dem Geld zurück zur Zeitung und kann in der gleichen Runde noch einmal verwendet werden – ggf. sogar mit noch mehr Geld auf dem gleichen Feld. Allerdings gibt es auch Felder, auf denen sich beliebig viele Journalisten tummeln dürfen und Felder, die sofort aktiviert werden – ansonsten reserviert man nur die Aktion zur Ausführung in der nächsten Phase.

In der Folgephase werden erst die Stories eingesammelt vom Newsdesk, dem Archiv und den Nachrichtendiensten. Dann kommen die Stories auf den Schreibtisch des Redakteurs, der aus gleichfarbigen Karten (Karten des gleichen Themengebietes) unter bestimmten Zusammensetzungen Stories macht, die gleich in bestimmter Form gesetzt werden. Wenn eine Story nicht direkt auf die Zeitungsseite passt, kann sie (oder eine andere) auch auf den Setztisch gebracht werden, wo ein Journalist mit einer Aktion die Ausrichtung ändern kann. Auch werden zusammen mit den Stories die Schlagzeile und die Leitartikel erstellt. Schließlich werden im Redakteursteil der Phase ggf. ein Interview und die „Classifieds“ erstellt. Schließlich kommt dann daer geschäftliche Teil, in dem man (unter Einsatz eines Journalisten) Anzeigen verkaufen kann, Nachrichten, die man nicht benötigt, verkauft und/oder neue Journalisten anheuert.

Das Feld „Offhire“ (sofortige Aktivierung) gibt einem 100 Dollar für jeden auf diesem Weg entlassenen Journalisten – die man auch sofort nutzen darf. Ein gemeiner Trick ist, einen Journalisten zu entlassen, um mit dem Geld einen fremden Journalisten von seinem Platz „wegzukaufen“.

Beim Einkauf der Nachrichten und Erstellen der Artikel sollte man auch seine Zeitungsspezialität im Auge behalten – die New York Times ist auch eher bekannt als Zeitung mit politischer Ausrichtung, während die New York Post eher dem Boulevard zuzurechnen wäre – und das Wall Street Journal sich durch Wirtschaftsnachrichten auszeichnet. Dementsprechend gibt es Bonuspunkte, wenn man Stories hat, die der eigenen Spezialität entgegenkommen. Auch erhöht es die Auflage, wenn man Exklusive Nachrichten (erworben über Extra!-Extra!-Karten) und Interviews veröffentlichen kann, sowie wenn man besonders schnell dabei ist, die Zeitung zu füllen (weil man dann Reklame für die neue Ausgabe machen kann). Für letzteres kann es daher auch interessant sein, Stories zu sammeln, die nicht der eigenen Spezialität entsprechen – einmal abgesehen davon, dass man diese damit auch den Konkurrenten wegschnappt.

Das Spiel endet am Ende der Runde, in der ein Spieler seine Zeitung gefüllt hat. Jetzt ist jeder Artikel eine bestimmte Anzahl Punkte wert, es gibt Bonuspunkte beispielsweise für Interviews … und es gewinnt, wer die meisten Umsatzpunkte hat.

Das Spiel ist eine Mischung aus Worker Placement und Sammlungen, das vor allem Vielspieler ansprechen dürfte. Aber auch der fortgeschrittene Gelegenheitsspieler wird viel Spaß mit dem Spiel haben.

Man muss schon einigermaßen planen und Gelegenheiten nutzen – man muss ja nicht unbedingt alle Artikel aus der eigenen Spezialität füllen, auch wenn das Bonuspunkte bringt. Dafür gibt s Extrapunkte, wenn man als erster (oder zweiter oder so) seine Zeitung vollständig hat – und wenn man seine Zeitung nicht in der gleichen Runde vervollständigt, in der der erste spieler dies tut, dängt man keine Bonuspunkte für eine komplette Zeitung ab.

Man muss also alle möglichen Optionen im Auge behalten – auch die Möglichkeit, einen feindlichen Journalisten „wegzukaufen“ -, was einen Analyseparalytiker beinahe sicher in Entscheidungsstarre versetzen wird. Ohne diese kann das Spiel aber, je nach Szenario (Zeitungsgröße), zwischen einer und drei Stunden dauern.

Hersteller Mayfair Games
Autor Andrew Bond
Künstler Mark Zug, Vicky Pauli
Spieler 2-6
Denken 8
Glück 4
Geschicklichkeit 0
Preis ca. 55 €

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Spiel bei Milan Spiele

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