Etwas andere Endzeit

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No Return Corebook

„Mal wieder Endzeit?“ war der erste Gedanke den ich hatte, als mich in Herne jemand ansprach und auf den Stand von No Return deutete. Endzeitsettings gibt es ja eine ganze Reihe, von vielen davon bin ich eher wenig begeistert (es gibt Ausnahmen, was bei mir vor allem dann der Fall ist, wenn man sich nicht wie in irgendeinem Zombiefilm vorkommt).

Nun also die Frage – ist dieses hier das sich No Return nennt eine solche Ausnahme? Der freundliche Mensch mit Mütze, der mir dieses Corebook in die Hand drückte, sagte, dass dem so sei, und ein erster Überblick überraschte auch eher positiv, also habe ich mich getreu unserem Motto „if it’s a game, we’re game“ drauf eingelassen, und – das hat sich gelohnt.

Dass No Return „anders“ ist, kann man so schon recht gut bestätigen. Im Jahre 5407 IPK (interplanetarer Kalender) hat die Erde schon mehr als einen Kataklysmus hinter sich, zwischendurch ist der Weltraum besiedelt worden, es gab massive Terror- und Bürgerkriegshandlungen, die Erde war unbewohnbar, wurde später quasi rekolonisiert, hatte sich durchaus… verändert, und wurde dann erst einmal „aus Sicherheitsgründen“ per Milkitärdiktatur neu organisiert, aber damit sind so einige nicht einverstanden, und es gibt viele rebellische Subkulturen, Splittergruppen, und… naja, umso bizarrere Entwicklungen. Seltsame Viren, Mutationen, Psi-Kräfte, menschliche Subspezies, dazu teils High-Tech, teils krude Scrap-Tech, sorgen für ein Flair, das irgendwo zwischen Blade Runner, X-men, Mad Max, Lance und einem ganzen Schwung Anti-Utopien angesiedelt ist.

Die Welt hat sich auch topographisch ganz schön verändert – der Pazifik ist deutlich zusammengeschrumpft, Südamerika ist abgebrochen und mit Australien zusammengedriftet, ebenso ist Ostasien mit Nordamerika zusammengestoßen, dadurch ist indirekt der Atlantik gewachsen, in dem jetzt Afrika munter lose herumschwimmt – und zwar wird über alle Regionen zumindest schon mal etwas gesagt, konkret ausgearbeitet sind aber bisher erst die nordamerikanischen Regionen New Jersey, Miami und Houston (und jeweilige Umgebung) – hier ist also noch viel Platz sowohl für Eigenentwicklung wie auch für spätere Quellenwerke, die aber ganz bewußt erst kommen, wenn die Fanbase groß genug ist – bleibt zu wünschen, dass die schnell wächst, bei so einem vielversprechenden Projekt.

Die Charaktererstellung erfolgt nach einem Baukastensystem, in dem man selbst entscheidet, wieviele seiner Punkte man in welchem Bereich investiert; manche Optionen haben bestimmte Voraussetzungen, die man erst erfüllen muss, um, sie zu wählen. Man kann wenn man möchte so ziemlich alles miteinander kombinieren, aber die eierlegende Wollmilchsau bekommt man nicht, irgendetwas wird jeder Charakter nicht oder zumindest nur sehr schlecht können. Wer wirklich „alles kann“ kann eigentlich nichts, weil nichts gut genug ist, um in dieser Welt zu überleben, was das Teamspiel sicherlich fördert. Spezialisierte Charaktere tendieren sowieso dazu, mehr Spaß zu machen und sind meist auch interessanter darzustellen.

Das eigentliche Spielsystem erinnert mit seinem Hazard-Di (einem Würfel im Pool, der explodieren kann) ein wenig an das „alte“ Star Wars D6 (West End Games), Elemente wie die Justice- und Chaospoints und das was daraus gemacht wird erinnert an die Nature/Demeanor Ideen der alten WoD (White Wolf), da Charaktere die sich entsprechend verhalten in bestimmten Situationen Modifikatoren bekommen. Das Corebook an sich ist recht übersichtlich gegliedert, wenn man erst einmal den Überblick darüber hat, was es alles gibt, findet man es auch. Die Beispielcharaktere sind hier recht gut gelungen und interessant genug, um beim Probespiel erst einmal jemanden zu finden, den man verkörpern kann, und machen auch Lust, sich dann selbst einen Charakter zu bauen. Einige Adventure Hooks sind ebenfalls vorhanden, wie auch schöne Kurzgeschichten, die den Flair von No Return gut wiedergeben. Auch ist kein extremes Ausrüstungsarsenal eingebettet – es gibt die nötigen Basics, etwas extra, und dann einen DIY-Baukasten – schließlich gibt es genug „Bastler“, und Hardware kann bei No Return oftmals etwas ganz individuelles sein.

Manko – aber das liegt daran, dass in der Endphase vor der Veröffentlichung mit sehr heißen Nadeln gestrickt wurde – ist die stellenweise gefühlt nicht vorhandene Lektoratsarbeit. Diese wird allerdings schon nachgeholt, und wird schon bei der digitalen Ausgabe, die bald erscheint, entsprechend für eine Überarbeitung sorgen, wie auch bei einer mögicherweise erscheinenden weiteren Auflage. Aber hey, es ist ein Erstlingswerk, und dafür ein verdammt gutes, wie ich finde. Auch die Artwork ist passend gewählt, oft interessant anders und nicht unbedingt so übertrieben wie man es von manch anderer Publikation kennt. Noch ein besonderes Bonbon ist das „Lebende Regelwerk“,das online erreichbar ist, an dem sich die Community beteiligen kann und soll, und über das – kostenlos – Updates, Ergänzungen und neuer Content erscheinen soll. Ich wünsche No Return auf jeden Fall viel Erfolg – schaut es euch an, auf der Homepage, wo man auch den Shop finden kann, um das Corebook zu bestellen, oder nch besser – auf Conventions, wie noch heute auf der RPC in Köln – der Stand von No Return ist am äußeren Rand der Halle, ganz links neben der Cosplayzeile an eine der Durchgänge in den Außenbereich.

Und an die, die meine Abneigung gegen Zombies kennen… ja, sowas ähnliches gibts hier auch, aber nicht als globales Problem (man kann sie also vermeiden), und – doch irgendwie „anders“. Gibt genug andere Bedrohungen, als dass man sich unbedingt mit so etwas auseinandersetzen müsste, wenn man nicht will… in diesem Sinne, mache ich mich mal auf in die Nacht… oder jetzt erst mal wieer auf die RPC.

 

Hersteller No Return
Autor Manfred Altenschmidt u.a.
Illustrationen Manfred Altenschmidt, Sabrina Bereiter u.a.
Denken RPG
Glück RPG
Geschicklichkeit RPG
Preis ca. 39,95 € (hardcover)
149,95 € (limitierte Collectors Edition)

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