Cuia est ultio?

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Auge um Auge

Es ist irgendwie schon eine Tradition: jedes Jahr erscheint ein neuer Abenteuerband zum Rollenspiel Private Eye. So steht in diesem Jahr bereits auf dem Umschlag „Abenteuerband No. 11“, diesen Band und auch den Band des Vorjahres (Liebe, Geld und andere Intrigen) habe ich dieses Jahr auf der SPIEL erhalten – und will jetzt zuerst den neueren Band besprechen, weil ich davon ausgehe, dass der ältere Band meinen Lesern schon eher bekannt sein könnte.

Jan Christoph Steines legt mit Auge um Auge einen Band mit einem interessanten Abenteuer vor, dass die Spieler, wenn sie den Fall bis in die Einzelheiten aufklären, vor einige unbequeme Fragen stellt. Wie die Spieler diese Fragen beantworten, dürfte für die jeweilige Runde sicher sehr interessant sein. Allerdings bietet dieses Abenteuer auch eine Problempunkte, die der Spielleiter überlegen sollte, bevor er das Abenteuer seiner Gruppe präsentiert.

Aus meiner persönlichen Erfahrung als Spielleiter auf verschiedensten Cons heraus habe ich mir eine Liste von möglichen Themen und Abenteuerbestandteilen zusammengestellt, mit denen manche Spieler auch psychische Probleme haben können. Themen wie beispielsweise der Missbrauch von minderjährigen Schutzbefohlenen können manchem Spieler aus persönlichen Gründen zu nahe gehen, dies kann auch für andere Themen gelten – aber auch, wenn Einzelszenen im Abenteuer vorhandene Phobien anrühren, kann dies manchen Spielern die Freude vergällen ich denke zum Beispiel an eine mir bekannte Spielerin, deren Arachnophobie so ausgeprägt ist, dass sie auch aktiviert wird, wenn ihr nur im Abenteuer beschrieben wird, dass in einem Gang Spinnweben hängen, oder einen Spieler mit Höhenangst, der eine Pause benötigte, um sich wieder zu fangen, als er feststellen musste, dass sein Charakter in einem Aufzug mit Glaswänden stand.

Bei einem Detektiv Rollenspiel darf man meines Erachtens allerdings davon ausgehen, dass ein plötzlicher Leichenfund nicht unbedingt zu seelischen Problemen bei den Spielern führen dürfte. Und genau mit einem solchen beginnt das Abenteuer: während eines wohlverdienten Urlaubs entdeckt einer der Charaktere am Ufer eines Flusses die Leiche einer jungen Frau. Diese Frau hat anscheinend Selbstmord begangen, ist den Anwohnern der Gegend aber unbekannt, sodass die Detektive zunächst einmal ihre Identität ermitteln müssen.

Die Spur führt schließlich in einen ein wenig entfernten Ort, in dem der Vater der jungen Dame erschlagen aufgefunden wurde. Natürlich liegt der Verdacht nahe, dass die Tote selbst auch diesen Todesfall verursacht hat, und sich – aus Reue über ihre Tat? – das Leben genommen hat.

Je nachdem, wie tiefschürfend die Detektive vorgehen, können Sie einige Abgründe der menschlichen Seele kennenlernen, die letztendlich zu dem tragischen Todesfall geführt haben.

Diese Abgründe sind dann auch das, was mich zu meiner Warnung zu Beginn der Beschreibung veranlasst hat.

Trigger-Warnung für den Fall

Die junge Dame ist nämlich jahrelang von ihrem Vater sexuell missbraucht worden – allerdings hat sie sich nicht selbst an ihren Peiniger gerächt; diese Aufgabe haben einige besorgte Mitbürger übernommen.

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Wenn sie den Fall wirklich in alle Verästelungen untersucht haben, stellt sich schließlich für die Detektive ein böses Dilemma: kann/darf/sollte man die Umstände, die zum Mord am Vater und schließlich auch zum Selbstmord der Tochter geführt haben bekannt machen? Ist es überhaupt zielführend, den/die Mörder(in?) bloßzustellen? Was tun die Detektive schließlich mit den Fakten, die sie erfahren haben?

Das Abenteuer selber stellt es im Endeffekt den Detektiven und der Gruppe anheim, die mit dem Sachverhalt umzugehen ist. Auch diese Entscheidung kann wiederum bei entsprechenden Empfindlichkeiten die Spieler arg verstören. Es wird aber nicht ein bestimmtes Ergebnis der Untersuchungen (abgesehen davon, dass die Detektive selbst die Hintergründe aufdecken) vom Abenteuer empfohlen: viele, vor allem amerikanische, Abenteuer versuchen hier, eine bestimmte Geisteshaltung zu forcieren, indem „unerwünschtes“ Verhalten durch nachfolgende Ereignisse bestraft wird. Nicht so Auge um Auge, das, abgesehen von der schon zu erwartenden Reaktion der Dörfler auf die Enthüllungen, die anscheinend griechische Sitten bevorzugen würden,hier den Detektiven alle Optionen offen lässt.

Grundsätzlich ist das Abenteuer gut lektoriert und auch übersichtlich strukturiert. So ziemlich alle wichtigen, am Fall beteiligten Personen (sogar die Englische Dogge Frana, deren Aktivitäten schlauen Detektiven Hinweise auf das wahre Geschehen geben können) werden mit zumindest zeitgenössisch wirkenden Fotos und ausführlichen Beschreibungen zu Aussehen, Persönlichkeit, Verhalten und Wissen über die verschiedenen Themen, die im Rahmen des Falls interessant werden könnten, beschrieben. Schön auch, dass am Ende des Textes alle Spuren und Aussagen, die die Detektive erhalten können, noch einmal übersichtlich aufgelistet werden.

Wenn man einmal vom zentralen Motiv für den Mord absieht, der manchen Spielern aus genannten Gründen unangenehm sein könnte, und der es eigentlich notwendig macht, dass der Spielleiter sich im Voraus über die Befindlichkeiten seiner Gruppe informiert, weiß dieses Abenteuer gut zu gefallen. Insbesondere das offene Ende und die Tatsache, dass es die Aktionen der Detektive nicht moralinsauer bewerten will, haben mir gut gefallen.

Allerdings ist das Abenteuer, wie man schon aus der im Spoiler genannten Motivierung der Tat erkennen kann, effektiv nur etwas für Spieler, die mit dem Thema „erwachsen“ umgehen können. Die in manchen Rollenspielrunden auch auf Cons anzutreffende eher pubertäre Einstellung und Stimmung passen auf jeden Fall nicht zu diesem Abenteuer.

GechicklichkeitRPG

Hersteller Redaktion Phantastik
Autor Jan Christoph Steines
Künstler Chris Schlicht, Manfred Escher
Spieler RPG
Denken RPG
Glück RPG
Preis ca. 16,95 €

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