Rolli-Spiel

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Die SPIEL aus der Kakerlaken- und Rollstuhl-Perspektive

Ich hatte ja versprochen, meinen persönlichen Rückblick auf die SPIEL noch zu veröffentlichen. Da ich zu der Zeit eigentlich noch in der Reha war –, und ich das Glück hatte, immerhin einen Tag Therapiepause angeboten zu bekommen –, konnte ich dieses Jahr nur freitags, samstags und sonntags die Messe unsicher machen.

Interessant fand ich vor allem einige Reaktionen, die sich auf mein verändertes Aussehen (verglichen mit 2015) bezogen. Einige Leute mussten anscheinend mehrfach hinsehen, bis sie mich erkannten. Ein Herausgeber und Geschäftsführer eines Rollenspielverlages blickte mich sogar verständnislos an und meinte: „kennen wir uns?“ Erst als ich mich mit Namen zu erkennen gab, konnte er mich – wenn auch mit einiger Mühe – erkennen. Einige Leute meinten sogar, sie hätten mich eher an meiner Kleidung (Weste, Brille, Baseballkappe mit Roachware-Schriftzug) erkannt und weniger am Gesicht… Durch den Gewichtsverlust von über 100 Kilo ist anscheinend auch mein Gesicht um einiges schmaler geworden.

Auch war ich dank der Spätfolgen meines Schlaganfalls auf der Spiel im Rollstuhl unterwegs – und hatte hierdurch einige interessante Erlebnisse.

Das fing bereits beim Parkplatz und Zugang zur Messe an. Mithilfe meines Parkausweises für Behinderte konnte ich in das Parkhaus einfahren, dass dem Eingang am nächsten war: Hier gibt es ein paar Behinderten-Parkplätze. Wir (eine Begleitperson, die vor allem den Rollstuhl schob, und ich) wurden sogar direkt zu einem passenden Parkplatz durchgewunken. Hier muss ich der Messe ein Lob aussprechen: die Hilfe für Behinderte ist hier wirklich gut organisiert.

Ein wenig durchwachsener sah es allerdings beim Thema Leih-Rollstühle aus. Nach vorherigem Anruf und Reservierung – sollte man mindestens einen Tag vorher erledigen, besser noch am Montag der Messewoche – konnte ich gratis einen Rollstuhl leihen; dies wurde über den Arbeiter-Samariter-Bund organisiert, der auf der Messe auch den Erste-Hilfe-Service besorgt. Allerdings waren die Rollstühle technisch nicht ganz einwandfrei. Neben mehreren defekten Rollstühlen, die der ASB gar nicht erst herausgab, war dort noch ein Rollstuhl verfügbar, dessen Fußstützen ziemlich lose saßen, sodass sie nach einiger Zeit über den Hallenboden schliffen. Als zeitweilige Lösung wurden diese Fußstützen dann vom ASB mit Leukoplast befestigt, was nicht nur optisch zu einiger Nervosität meinerseits führte.

Immerhin ist der größte Teil der Messe „barrierefrei“: mit ein wenig Suchen konnte ich Behindertentoiletten finden, in die ich tatsächlich mit dem Euroschlüssel gelangen konnte, ohne erst noch jemandem lästig fallen zu müssen. Wer keinen Behindertenschein hat und deshalb auch keinen Euroschlüssel: die Behindertentoiletten sollte man wirklich nicht als „Unberechtigter“ benutzen, denn wenn es nötig wird, hatte der Behinderte mit ziemlicher Sicherheit mehr Zeit für den Weg zur Toilette nötig, einmal davon abgesehen, dass, je nach Behinderung, der Druck dann auch wesentlich höher wird. Dies gilt natürlich nicht nur auf Messen, sondern auch beispielsweise an Autobahnraststätten, in Einkaufszentren und an anderen Stellen, wo man Behindertentoiletten findet.

Ein wenig hatte ich während der drei Tage allerdings das Gefühl, dass viele Leute mit ins Genick gelegtem Kopf herumliefen, wodurch sie nicht gut sahen, was direkt vor ihnen passierte, wenn dies eine bestimmte Höhe unterschritt. Im Rollstuhl sitzend hatte ich das Gefühl, auf Augenhöhe mit Linda Hunt reden zu können – und wurde entsprechend von vielen übersehen, die in mich hineinliefen. Wenn wir in einem langen Gang in einer „Kolonne“ unterwegs waren, versuchten überraschend viele aus dem Gegenverkehr, die vermeintliche Lücke in unserer Kolonne vorzustoßen – wo sich dann mein Rollstuhl befand, und im Rollstuhl sitzend kann man nur schlecht mal eben einen Ausfallschritt nach rechts oder links machen, um jemandem auszuweichen. Ich habe aber auch einige Fälle gesehen, dass derartige Lückenspringer dabei dann kleinere Kinder über den Haufen gerannt haben. Also: genau hinschauen, wo man hingeht, und sich nicht an den Köpfen der Mitbesucher orientieren, wo denn eine Lücke sein könnte.

Eine weitere Gefahrenstelle bei derart unbedachtem Herumlaufen ist mir erst auf der Messe zum ersten Mal richtig aufgefallen. Wer von einem Stand weitergeht oder sich im Stehen versucht umzudrehen, sollte doppelt vorsichtig sein. Gerne macht man beim ersten Schritt einen Schrägschritt, bei dem außerdem der entsprechende Fuß in Drehrichtung nach außen gedreht aufgestellt wird. Selbst wenn man sieht, dass direkt neben einem jemand im Rollstuhl sitzt, kann man hierdurch leicht einmal mit seinem Fuß unter die Fußstütze des Rollstuhls geraten – oder mit ein wenig Pech sogar unter einen Reifen des in Bewegung befindlichen Stuhls.

Und noch ein gefährlicher Reflex: wenn mehrere Leute in einer Gruppe in Kreisform stehen um alle Gesprächspartner ansehen zu können, und jemand relativ abrupt sein Gegenüber ergreifen und näher ziehen will, ist der normale Reflex, einen Schritt zurück zu machen. Vielleicht sollte man sich diesen Reflex abgewöhnen, auch in etwas offeneren, nicht so dicht mit Leuten gepackten Wegen wie beispielsweise in einem Einkaufszentrum. Wenn sich dann nämlich hinter dem reflexhaft nach hinten gehenden Menschen ein Rollstuhl befindet (womöglich sogar der Grund, dass der Griff nach dem Gegenüber erfolgter), ist es leider sehr wahrscheinlich, dass man ungewollt auf dem Schoß des Rollstuhlpassagiers landet. Die meisten Rollstühle sind dann auf diese Gewichtsbelastung nicht vorbereitet und machen die Grätsche.

Noch ein letzter Tipp für behinderte Besucher der Essener Messe mit Auto: bevor man die Messe verlässt, kann man am Infostand – im Zweifelsfall unter Vorlage des Behindertenausweises – eine Karte erhalten, mit der man das Parkhaus wieder verlassen kann, ohne die Parkgebühr zahlen zu müssen. Auch dies fällt unter die vorbildlichen Serviceleistungen der Essener Messe.

Und auch, wer laut Behindertenausweis eine Begleitperson in Bussen und Bahnen unentgeltlich mitnehmen darf, darf diese Person ebenfalls unentgeltlich in die Messe mitnehmen. Die eigene Eintrittskarte muss allerdings bezahlt werden.

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